Stefanie Stoppel
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Ja/Nein/Vielleicht-Liste: Finde heraus, was du bei Sex & Intimität willst

·Lesezeit: 8 Minuten

„Worauf hast du Lust?“ – Eigentlich eine schöne Frage. Nur kommt sie oft genau dann, wenn ihr eh schon mittendrin beim Knutschen und Fummeln seid, und dein Kopf liefert dann vor allem eins: Grillenzirpen. Das ist völlig nachvollziehbar. Spontan etwas Genussvolles oder Aufregendes aus dem Hut zu zaubern, während ein Mensch dich erwartungsvoll anschaut, ist gar nicht so leicht.

Manchmal steckt aber mehr dahinter. Vielleicht weißt du generell nicht so genau, was du beim Thema Sex und Intimität eigentlich willst. Vielleicht findest du euren Sex gut, sehnst dich aber nach anderen Formen von Nähe. Oder dir fehlen schlicht die Worte, um mit Partner*innen über das Thema zu sprechen.

Für all diese Situationen habe ich meine Ja/Nein/Vielleicht-Liste entwickelt: 22 Seiten mit Fragen und Inspirationen rund um Intimität, Sex und Kink/BDSM, auf Deutsch und kostenlos.

Was ist eine Ja/Nein/Vielleicht-Liste?

Eine Ja/Nein/Vielleicht-Liste (im Englischen „Yes/No/Maybe List“) sammelt Aktivitäten rund um Nähe, Sex und Intimität. Du gehst sie in Ruhe durch und markierst bei jedem Punkt, ob er für dich gerade ein Ja, ein Nein oder ein Vielleicht ist. Wenn du magst, kannst du sie danach auch mit Partner*innen besprechen.

Das Format gibt es schon lange. Sexualpädagog*innen, Therapeut*innen und Communities arbeiten seit Jahren damit, zum Beispiel Scarleteen (auf Englisch) oder queertopia. Die meisten Listen sind allerdings englischsprachig, und Themen wie Konsens, Safer Sex oder Trigger kommen darin manchmal nur am Rande vor. Deshalb habe ich meine eigene Liste erstellt, mit Themen, die über einzelne sexuelle Aktivitäten hinausgehen.

Das steckt in meiner Ja/Nein/Vielleicht-Liste:

  • Freitextfelder zu Sprache und Bezeichnungen, körperlichen Grenzen, Konsens und Triggern
  • ein Ampelsystem für Safewords und Stopp-Zeichen
  • eine Safer-Sex-Matrix sowie Freitextfelder zu Verhütung und STI-Status
  • Tabellen zu Nähe & Zärtlichkeit, Sex, Kink & BDSM und Aftercare
  • differenzierte Kürzel: neben Ja, Nein und Vielleicht gibt es auch F für Fantasie, X für „trifft nicht auf mich zu“ und ! für harte Grenzen
  • Reflexionsfragen zum Abschluss

Ein Rundgang ums erotische Buffet

In meiner Sexualberatung arbeite ich gerne mit dem Bild vom erotischen Buffet: ein langer Tisch mit einer bunten Auswahl dessen, was menschliche Sexualität an Ideen, Skripten und Vorlieben zu bieten hat. Tantra steht neben Kink, Stille neben Ekstase, Blümchensex neben Rough Sex. Du schlenderst daran entlang und nimmst dir, was dich anlacht. Alles andere bleibt liegen, für ein anderes Mal, oder auch für immer. Wie voll dein Teller wird, entscheidest nur du, und ein (fast) leerer Teller ist genauso richtig wie ein voller.

Viele von uns haben das Buffet allerdings nie in seiner vollen Pracht bestaunen können. Wir haben uns an den Tellern anderer orientiert, auf denen oft nur eine kleine Auswahl lag, und deshalb gar nicht gemerkt, was uns vielleicht fehlt. Die Liste lädt dich ein, einmal in Ruhe ums Buffet herumzugehen. Vollständig ist sie natürlich nicht, dafür ist Sexualität viel zu vielfältig. Die Liste bietet dir aber Platz für deine eigenen Ideen, sodass du das, was dir fehlt, einfach eintragen kannst.

So nutzt du die Liste für dich allein

Ja/Nein/Vielleicht-Listen gelten oft als Paar-Tool. Meine Liste ist aber explizit auch für deine Solo-Exploration gedacht, egal ob du Single bist, datest, mehrere Partner*innen hast oder einfach deine Sexualität besser kennenlernen möchtest. Dafür gibt es bei vielen Punkten die Spalte „Solo“. Und auch wenn du die Liste später teilen willst, füll sie zuerst alleine aus.

Ein paar Tipps fürs Ausfüllen:

  • Spür nach, statt nur nachzudenken. Ein Ja zeigt sich vielleicht als Kribbeln oder Wärme, ein Nein als Enge im Bauch oder als Impuls, schnell weiterzublättern. Ein Vielleicht erscheint möglicherweise als leise Neugier.
  • Unterscheide zwischen Wollen und Sollen. Frag dich bei Unsicherheit: Will ich das wirklich, oder glaube ich nur, dass ich es wollen sollte?
  • Lass weg, was nicht passt. Die Liste ist lang, aber nichts darauf ist Pflichtprogramm! Ganze Abschnitte zu überspringen ist völlig in Ordnung.
  • Nutze das F. Du darfst Fantasien markieren, ohne sie umsetzen zu wollen. Fantasien sind schließlich keine To-dos.

Warum sich deine Antworten verändern dürfen

Deine ausgefüllte Liste ist eine Momentaufnahme. Sexualität entwickelt sich ein Leben lang, und was dich vor ein paar Jahren angeturnt hat, kann dich heute kaltlassen – oder umgekehrt.

Außerdem hängen viele Antworten davon ab, mit wem du intim bist. Mit einer Person fühlt sich etwas nach einem klaren Nein an, mit einer anderen nach einem neugierigen Ja, je nachdem, wie viel Vertrauen da ist und welche Dynamik zwischen euch entsteht. Füll die Liste deshalb mit jeder neuen Person neu aus, statt eine alte weiterzuverwenden. Die wichtigste Frage dabei ist:

"Was will ich jetzt, mit diesem Menschen?"

Wie du die Liste mit Partner*innen besprichst

Das Thema ansprechen

Wähl einen entspannten Moment, der nicht sexuell aufgeladen ist, zum Beispiel bei einem Spaziergang oder am Küchentisch. Ein möglicher Einstieg kann sein:

„Ich bin gerade sehr neugierig darauf, Neues zu entdecken. Ich fände es schön, mich mit dir über unser Sexleben auszutauschen und herauszufinden, was wir beide vielleicht noch ausprobieren möchten. Hättest du Lust darauf?“

Ist dein Gegenüber offen dafür, schlag die Liste vor: Ihr füllt sie jeweils allein aus und schaut dann gemeinsam, wo ihr übereinstimmt. Schick den Link zu diesem Artikel und legt fest, bis wann ihr fertig sein wollt und wann ihr redet. Ist euch die Liste zu lang, startet mit einem einzelnen Abschnitt. Wichtig: Alles ist freiwillig und ein "Nein" zur Liste ist auch völlig okay!

Das Gespräch gestalten

Diese Absprachen helfen, damit sich alle Beteiligten sicher fühlen:

  • Rahmen: Plant genug Zeit ein und wählt einen Ort, an dem ihr ungestört seid.
  • Selbstbestimmung: Jede Person entscheidet selbst, wie viel sie teilt. Niemand muss die ganze Liste zeigen.
  • Ein Nein steht für sich: Ein Nein wird angenommen und braucht keine Begründung. Eine harte Grenze steht nicht zur Diskussion.
  • Reihenfolge: Beginnt mit den Punkten, bei denen ihr beide Ja angekreuzt habt. Danach kommen Ja/Vielleicht und Vielleicht/Vielleicht.
  • Kein Druck: Zählt keine Jas und überredet niemanden von einem Vielleicht zu einem Ja.
  • Pausen: Klärt vorher, was ihr tut, wenn sich jemand unwohl fühlt: durchatmen, das Thema wechseln oder an einem anderen Tag weitermachen.
  • Ein schöner Abschluss: Plant etwas Nicht-Sexuelles für danach, etwa einen Kinobesuch oder euer Lieblingsessen. So endet das Gespräch verbindend, und niemand fühlt sich verpflichtet, sofort etwas umzusetzen.

Wenn ihr Unterschiedliches wollt

Wahrscheinlich steht bei dir irgendwann ein begeistertes Ja, wo dein Gegenüber ein Nein angekreuzt hat. Das ist eine Information, kein Urteil über eure Beziehung. Fantasien und Vielleichts sind Einladungen zum Weiterreden, und manchmal gibt es eine Variante, die für euch beide passt. Manchmal aber auch nicht.

Ich möchte nicht kleinreden, dass das wehtun kann. Es gehört viel Mut dazu, sich mit seinen Wünschen zuzumuten, und Ablehnung von einer Person, mit der man intim ist, trifft oft besonders tief. Überleg dir deshalb vorher, wie du in so einem Fall gut für dich selbst sorgen kannst. Vielleicht hilft ein Telefonat mit Freund*innen, Tagebuch schreiben, oder ein Feelgood-Film.

Reagiert dein Gegenüber abwertend auf deine Wünsche oder Grenzen, darfst du das Gespräch jederzeit unterbrechen und benennen, was das mit dir macht: „Das verletzt mich gerade, ich brauche eine Pause.“ Solche Reaktionen sagen meist mehr über die andere Person aus als über dich, denn Menschen reagieren oft ablehnend, wenn etwas an ihrer Komfortzone oder alten Prägungen rüttelt. Ein zweiter Anlauf mit etwas Abstand kann helfen. Wiederholt sich die Abwertung, nimm das ernst. Du hast ein Gegenüber verdient, bei dem du dich mit deinen Wünschen zeigen kannst, auch wenn eure Vorlieben verschieden sind.

Für wen sich die Ja/Nein/Vielleicht-Liste eignet

Die Liste kann dir helfen, wenn du

  • dein erotisches Buffet für dich allein erkunden möchtest,
  • in einer Beziehung bist, in der sich Routine eingeschlichen hat,
  • experimentierfreudig bist und neue Ideen suchst,
  • Intimität jenseits von penetrativem Sex erkunden möchtest, weil dieser gerade nicht möglich oder nicht gewünscht ist oder nicht mehr im Zentrum stehen soll,
  • mit Partner*innen über Sex sprechen willst und einen Einstieg suchst,
  • am Anfang einer Beziehung stehst und schon ein gewisses Vertrauen da ist.

Lebst du nicht-monogam, besprich die Liste am besten mit jeder Person einzeln, denn jede Verbindung hat ihre eigene Dynamik. Absprachen zu eurer Beziehungsform ersetzt sie aber nicht. Und weil die Liste bei Händchenhalten und Kuscheln beginnt, eignet sie sich auch für Menschen auf dem Ace-Spektrum und für Beziehungen zwischen asexuellen und allosexuellen Menschen. Abschnitte, die sich unangenehm anfühlen, darfst du einfach weglassen.

Wann ich die Liste nicht empfehle

In manchen Situationen würde ich von der Liste eher abraten. Etwa wenn unterschiedliches sexuelles Verlangen schon lange zu Konflikten führt und ihr in einem Kreislauf aus Druck und Rückzug steckt: Eine Person möchte mehr Sex, fühlt sich abgelehnt und fragt häufiger nach. Die andere spürt den Druck, zieht sich zurück, und ihre Lust sinkt weiter, denn Druck wirkt Lust entgegen. Jedes Vielleicht auf der Liste wird dann für die eine Person zur Hoffnung und für die andere zur nächsten Forderung.

Auch in diesen Fällen ist die Liste nicht das richtige Werkzeug:

  • in akuten Beziehungskrisen oder nach Vertrauensbrüchen
  • wenn eine Person die Neins der anderen nicht annehmen kann
  • wenn jemand die Liste nur aus Gefälligkeit ausfüllt
  • wenn sie dazu dienen soll, jemanden zu etwas zu überreden

Dann ist es sinnvoller, zuerst die dahinterliegenden Themen und Dynamiken anzugehen, wenn ihr das möchtet, gerne auch mit Begleitung von außen. Die Liste kann später immer noch dazukommen.

Häufige Fragen zur Ja/Nein/Vielleicht-Liste

Ist die Liste kostenlos?

Ja. Du kannst sie hier herunterladen: Ja/Nein/Vielleicht-Liste (PDF). Für nicht-kommerzielle Zwecke darfst du sie unverändert weitergeben, solange du mich als Urheberin nennst (Lizenz CC BY-NC-ND 4.0).

Muss ich die Liste mit Partner*innen besprechen?

Nein. Sie funktioniert auch als Tool zur Selbstreflexion und zur Erkundung deiner Fantasien, Wünsche und Grenzen. Die Reflexionsfragen am Ende kannst du auch ganz für dich behalten.

Muss ich alle Punkte ausfüllen?

Nein. Füll aus, was sich für dich stimmig anfühlt, und lass den Rest frei.

Wie oft sollte ich die Liste ausfüllen?

So oft du magst. Schau am besten in ein paar Monaten nochmal drauf, und füll sie neu aus, wenn du eine neue Person kennenlernst.

Die Liste als Einladung

Die Ja/Nein/Vielleicht-Liste ist keine Bucket List, sondern eine Einladung, deine Sexualität zu erforschen. Was guter Sex oder echte Intimität für dich bedeutet, entscheidest am Ende nur du. Achte beim Ausfüllen darauf, wo sich Widerstand, Lust oder Neugier zeigen: Das ist dein persönlicher Kompass.

Wenn dabei Fragen oder schwierige Gefühle auftauchen, du deine Ergebnisse allein oder zu zweit vertiefen möchtest oder du in einer der Situationen steckst, in denen ich die Liste nicht empfehle, begleite ich dich gerne, in Hamburg oder online. Buch dir einfach ein kostenfreies Erstgespräch.