Stefanie Stoppel | Sexualberatung
Bin ich asexuell oder habe ich einfach keine Lust auf Sex?
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Bin ich asexuell oder habe ich einfach keine Lust auf Sex?

·Lesezeit: 10 Minuten

Hast du das Gefühl, dass Sex oder sexuelle Anziehung für andere Menschen eine viel größere Rolle spielen als für dich? Oder fragst du dich, ob hinter deiner Lustlosigkeit vielleicht Asexualität steckt? Dann bist du hier genau richtig. In diesem Artikel erfährst du, was Asexualität bedeutet, welche Erfahrungen zum asexuellen Spektrum gehören können und was hinter den häufigsten Mythen rund um Asexualität steckt. Außerdem gebe ich dir ein paar Anregungen, wie du herausfinden kannst, ob das Label asexuell zu dir passt.

Dieser Artikel ist Teil 1 einer zweiteiligen Miniserie über Asexualität. In Teil 2 geht es um Beziehungen und Dating als Person auf dem asexuellen Spektrum.

Was ist Asexualität?

Die gängigste Definition beschreibt Asexualität als eine sexuelle Orientierung, bei der eine Person keine, wenig oder nur unter bestimmten Umständen sexuelle Anziehung zu anderen Personen empfindet. Menschen, die sexuelle Anziehung empfinden, werden im Kontext der Asexualität oft als allosexuell bezeichnet.

In vielen westlichen Gesellschaften wirkt Sexualität heute allgegenwärtig. Es wird ganz selbstverständlich vorausgesetzt, dass gerade in romantischen Beziehungen Sex und sexuelle Anziehung einfach dazugehören. Das macht es für viele schwer, sich überhaupt mit dem Thema Asexualität auseinanderzusetzen – sie findet in den gängigen gesellschaftlichen Erzählungen überhaupt keinen Platz.

Leider bekommen dadurch viele asexuelle Personen das Gefühl vermittelt, dass irgendetwas mit ihnen nicht stimmt. Falls das auch auf dich zutrifft, möchte ich dir klar sagen: Du bist normal und vollkommen okay! Und zwar genau so, wie du bist!

Wie häufig kommt Asexualität vor?

In vielen Artikeln wird angegeben, dass 1% der Bevölkerung asexuell sei. Diese Zahl stammt aus einer britischen Studie zu Asexualität von 2004, die bis heute häufig zitiert wird. Der Autor, Anthony Bogaert, ordnete alle Personen als asexuell ein, die in der Befragung angaben, noch nie sexuelle Anziehung zu irgendjemandem verspürt zu haben (Quelle: Bogaert, 2004).

Allerdings ist die Zahl mit Vorsicht zu genießen, denn es handelt sich dabei um eine Fremdzuschreibung: Bogaert hat anhand einer Antwort in einem Fragebogen festgelegt, welche sexuelle Orientierung jemand hat. Labels wie bisexuell, homosexuell, heterosexuell oder asexuell sind aber etwas, das jede:r nur für sich selbst definieren kann. Und diese Definitionen sind zum Teil sehr unterschiedlich!

Außerdem könnte der tatsächliche Anteil asexueller Menschen aus mehreren Gründen noch höher liegen: Erstens fehlen in der Gesellschaft nach wie vor grundlegende Informationen zu Asexualität, sodass viele Menschen gar nicht auf die Idee kommen, dass das Label auf sie zutreffen könnte. Zweitens kann gesellschaftliche Stigmatisierung dazu führen, dass asexuelle Menschen ihre sexuelle Orientierung selbst in anonymen Umfragen nicht offen angeben. Und drittens gehören zum asexuellen Spektrum (auch Acespec genannt) mehrere verwandte Orientierungen, die in Befragungen mit einer engen Definition von Asexualität schlicht nicht erfasst werden. Dazu gleich mehr.

Die kurze Antwort lautet also: Wir wissen nicht genau, wie viele asexuelle Personen es gibt. Am Ende sollte das aber auch keine Rolle spielen. Asexualität ist eine vollkommen valide und normale sexuelle Orientierung – unabhängig davon, wie viele Menschen das Label für sich nutzen!

Labels & Das Spektrum der Asexualität(en)

Asexualität wird von manchen eng definiert, etwa wie von Anthony Bogaert, der nur Personen als asexuell einstufte, die noch nie sexuelle Anziehung empfunden hatten. Im asexuellen Spektrum finden sich aber viele Menschen, die sexuelle Anziehung nur selten, schwach oder unter bestimmten Umständen erleben. Für diese Erfahrungen gibt es wiederum viele eigene Labels oder Überbegriffe, die helfen können, die eigene Orientierung genauer zu beschreiben. Drei davon möchte ich hier beispielhaft erklären:

Graysexualität bezeichnet zum einen eine eigene Orientierung, bei der sexuelle Anziehung nur selten, schwach oder unter bestimmten Umständen auftritt. Zum anderen wird das Label manchmal auch als Sammelbegriff für alle Orientierungen zwischen asexuell und allosexuell verwendet – also für Menschen, die irgendwo in der “Grauzone” des Spektrums liegen, ohne sich klar an einem der Pole zu verorten. Es gibt keine feste Grenze, ab wann jemand graysexuell statt asexuell ist. Entscheidend ist, wie eine Person sich selbst beschreibt (Quelle: AVEN).

Demisexualität beschreibt eine Orientierung, bei der sexuelle Anziehung erst dann entsteht, wenn eine (tiefe) emotionale Bindung zu einer Person vorhanden ist. Demisexuelle Menschen erleben dementsprechend keine „spontane" Anziehung, also das flüchtige Interesse an einer Person, die man kaum kennt. Stattdessen entsteht Anziehung, wenn überhaupt, erst im Laufe einer engeren Beziehung (Quelle: AVEN).

Fraysexualität beschreibt das umgekehrte Prinzip: Fraysexuelle Menschen empfinden sexuelle Anziehung vor allem gegenüber Personen, die sie noch nicht gut kennen. Diese Anziehung nimmt ab, je enger die emotionale Bindung wird. Auch das fällt für viele unter die Definition des asexuellen Spektrums, denn auch hier wird sexuelle Anziehung nur unter bestimmten Umständen empfunden. Das Label ist weniger verbreitet als die anderen, aber für manche Menschen das passendste (Quelle: Queer Lexikon).

Wie bei allen Labels unter dem LGBTQIA+ Regenbogen gilt auch hier: Labels sind Angebote, keine Pflicht. Manche Menschen finden es hilfreich, eine genaue Bezeichnung für ihre Erfahrungen zu haben. Andere bevorzugen es, sich einfach als Teil des asexuellen Spektrums zu verstehen, ohne ein spezifisches Label zu nutzen.

Wie unterscheidet sich Asexualität von Lustlosigkeit?

Asexualität und Lustlosigkeit zu unterscheiden ist gar nicht so einfach – und die Frage taucht auch gar nicht so selten auf, weil viele Menschen unter Druck stehen, Sex wollen oder haben zu müssen, weil es vermeintlich „normal" ist. Um einer Antwort näher zu kommen, kann es helfen, zu reflektieren, ob die nicht vorhandene sexuelle Anziehung oder das fehlende sexuelle Verlangen schon lange eine (konstante) Rolle im eigenen Leben spielt, oder sich über die Zeit etwas verändert hat.

Lustlosigkeit hat oft konkrete Auslöser im Alltags- oder Beziehungsleben: Stress, Konflikte in der Partnerschaft, gesundheitliche Beschwerden oder einschneidende Lebensereignisse wie die Geburt eines Kindes können das Lustempfinden zeitweise deutlich verringern. Für manche ist das ziemlich belastend und der Wunsch nach Veränderung dementsprechend groß.

Bei asexuellen Menschen ist das oft anders, denn die fehlende oder kaum vorhandene sexuelle Anziehung kann sich durch die gesamte Lebensgeschichte ziehen. Sie ist kein neues Phänomen, das irgendwann aufgetaucht ist, sondern ein dauerhaftes Muster – eine sexuelle Orientierung eben!

Der Leidensdruck, den asexuelle Menschen manchmal empfinden, hängt oft weniger mit der Abwesenheit sexueller Anziehung an sich zusammen. Meist hat es mehr mit dem gesellschaftlichen Druck von außen zu tun, der ihre Abweichung von der vermeintlichen Norm als Problem darstellt. Wenn Menschen das Label asexuell für sich entdecken, ist das für viele deshalb sehr entlastend und hilft ihnen dabei, sich selbst besser zu verstehen und sich so anzunehmen, wie sie sind.

5 Mythen über Asexualität

Asexualität wird häufig missverstanden, weil sie in den meisten gesellschaftlichen Erzählungen schlicht nicht auftaucht. Die folgenden Mythen begegnen asexuellen Menschen deshalb immer wieder und möchten heute gern entkräftet werden.

Mythos 1: Asexuelle Personen können keine körperliche Erregung empfinden

Das stimmt so definitiv nicht. Körperliche Erregung und sexuelle Anziehung sind zwei unterschiedliche Dinge. Sexuelle Anziehung bezieht sich darauf, ob und wem gegenüber man sexuelles Interesse empfindet. Körperliche Erregung ist dagegen eine physiologische Reaktion, die auch ohne Anziehung auftreten kann, zum Beispiel durch körperlichen Kontakt, Fantasien oder ganz ohne ersichtlichen Auslöser. Viele asexuelle Menschen erleben körperliche Erregung, ohne dass damit Interesse an Sex mit einer anderen Person verbunden ist.

Mythos 2: Asexuelle Personen haben keine sexuellen Fantasien

Auch das ist so nicht richtig. Sexuelle Fantasien sagen wenig darüber aus, wem gegenüber man “im echten Leben” tatsächlich sexuelle Anziehung empfindet oder mit wem man sexuell aktiv werden möchte – und das gilt sowohl für asexuelle als auch allosexuelle Menschen. Manche asexuellen Personen haben sexuelle Gedanken oder Fantasien, ohne den Wunsch zu haben, diese mit jemandem auszuleben. Einige genießen auch erotische Bücher, Fan-Fiction oder Filme. Andere haben kaum oder keine Fantasien und keinen Bedarf an erotischem Input. All das kommt vor und ist normal.

Mythos 3: Asexuelle Personen haben keine Libido

Das stimmt so auch nicht, denn auch Libido unterscheidet sich von sexueller Anziehung: Sexuelle Anziehung beschreibt das Interesse an einer anderen Person, während Libido das allgemeine körperliche Verlangen nach sexueller Befriedigung meint. Beides ist unabhängig voneinander. Asexuelle Menschen können durchaus eine Libido haben und zum Beispiel Solo-Sex genießen, weil es sich körperlich gut anfühlt oder sie sich entspannen wollen. Andere asexuelle Menschen haben keine oder kaum Libido.

Mythos 4: Asexuelle Personen haben keinen Sex mit anderen

Auch das lässt sich so nicht verallgemeinern. Es stimmt, dass einige asexuelle Menschen kein Interesse an sexuellen Handlungen mit anderen haben. Für andere kann Partnersex durchaus eine Rolle spielen, zum Beispiel weil sie ihn körperlich genießen, der Partnerperson eine Freude machen wollen oder einfach neugierig sind. All das ist möglich, ohne dass dabei sexuelle Anziehung im Spiel sein muss.

Mythos 5: Asexuelle Personen können keine erfüllenden romantischen Beziehungen führen

Doch – und viele tun es. Hier lohnt sich eine Abgrenzung zum Begriff aromantisch: Während Asexualität beschreibt, dass jemand keine oder kaum sexuelle Anziehung empfindet, bezeichnet Aromantik die Abwesenheit von romantischer Anziehung. Beides kann gemeinsam auftreten, muss es aber nicht. Es gibt asexuelle Menschen, die sich verlieben und romantische Beziehungen führen, genauso wie es aromantische Menschen gibt, die sexuelle Anziehung erleben.

Welche Fragen rund um Dating und Beziehungen bei asexuellen Menschen auftauchen, schauen wir uns in Teil 2 dieser Miniserie rund um Asexualität genauer an.

Wie finde ich heraus, ob ich asexuell bin?

Erstmal vorweg: Schön, dass du dich mit dieser Frage auseinandersetzt! Es ist ein mutiger Schritt, der dir auf jeden Fall helfen kann, dich selbst und deine Bedürfnisse besser kennen zu lernen. Sexuelle Orientierung ist etwas, das jede Person für sich selbst definiert und jeder Weg zu so einer Definition ist individuell. Hier will ich dir ein paar Möglichkeiten zeigen, wie du dich dem Thema nähern kannst.

Reflexionsfragen

Falls das Thema noch relativ neu für dich ist, kann es helfen, sich mit den eigenen Motiven und Gefühlen dazu auseinanderzusetzen:

  • Wie bist du darauf gekommen, dich mit diesem Thema zu beschäftigen? Was erhoffst du dir davon?
  • Wie fühlt sich die Auseinandersetzung mit diesem Thema überhaupt an? Spürst du Erleichterung, Neugier, Verunsicherung oder etwas anderes?
  • Empfindest du einen Leidensdruck rund um das Thema Lust und Sex – und wenn ja, woher kommt er? Kommt er von innen, oder eher von Erwartungen anderer Menschen oder gesellschaftlichen Normen?

Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper und was in uns bei körperlicher Erregung passiert, kann für manche hilfreich sein. In den nächsten Tagen oder Wochen lade ich dich ein, dich mit den folgenden Fragen auseinandersetzen:

  • Nimmst du körperliche Erregung wahr, zum Beispiel als Wärme, Kribbeln oder Anspannung?
  • Wenn ja: Welche Gedanken tauchen dabei auf, welche Gefühle? Richtet sich deine Erregung auf eine bestimmte Person, oder entsteht sie eher unabhängig davon – durch Berührung, Fantasie oder ganz ohne erkennbaren Auslöser?
  • Hast den den Impuls, auf sexuelle Erregung mit einer bestimmten Handlung zu reagieren? In welchen Situationen?

Labels und Definitionen können uns manchmal helfen, Licht ins Dunkel zu bringen:

  • Klingt etwas in diesem Artikel vertraut, zum Beispiel ein Begriff, eine Beschreibung, eine Erfahrung, die du bisher nicht in Worte fassen konntest?
  • Oder hast du anderswo schon einmal etwas gelesen oder gehört, das sich wie eine Beschreibung deiner eigenen Erfahrung angefühlt hat?

Du möchtest diese und weitere Fragen lieber im Gespräch erkunden? Es kann sehr hilfreich sein, sich Unterstützung bei der Auseinandersetzung zu holen. In meiner Sexualberatung biete ich dir einen geschützten, wertungsfreien Raum, in dem wir das Thema Asexualität achtsam gemeinsam erforschen können. Buche jetzt dein kostenfreies Erstgespräch – ich freue mich auf dich!

Selbsttest

Wenn du deine Erfahrungen etwas strukturierter erkunden möchtest, kann der AIS-12 (Asexuality Identification Scale) ein hilfreicher Ausgangspunkt sein. Es handelt sich um einen wissenschaftlich validierten Fragebogen von Yule, Brotto & Gorzalka (2015), der speziell entwickelt wurde, um asexuelle Erfahrungen zu erfassen. Eine online zugängliche Version findest du auf embrace-autism.com/asexuality-identification-scale. Der Test ist auf Englisch und kann nur eine Orientierung geben – kein Ergebnis ersetzt die eigene Reflexion und Auseinandersetzung mit dem Thema.

Communities

Manchmal ist es total hilfreich, einfach zu lesen oder zu hören, wie andere Menschen ihre Erfahrungen beschreiben. Auf Reddit findest du in den Communities r/asexuality und r/aaaaaaacccccccce viele persönliche Geschichten, Fragen und Diskussionen.

Wenn du direkt mit anderen Menschen in Kontakt treten möchtest, ist die deutschsprachige Acespec-Community aspecgerman.de ein guter Startpunkt. Dort findest du Informationen, Austausch und Vernetzung via Discord. Eine der umfangreichsten englischsprachigen Quellen zu Asexualität mit Definitionen, persönlichen Geschichten und verschiedenen Foren findest du auf der Seite des Asexual Visibility and Education Network (AVEN).

Podcasts & Bücher

Zwei empfehlenswerte Podcasts sind Sounds Fake But Okay und ACE AROund the Cake – beide beschäftigen sich regelmäßig mit Asexualität, Aromantik und verwandten Themen.

Wer lieber liest, findet einige Bücher für den Einstieg: "(un)sichtbar gemacht: Perspektiven auf Aromantik und Asexualität" von Katharina Kroschel und Annika Baumgart gibt einen deutschsprachigen Einblick in asexuelle Erfahrungen und Sichtbarkeit. „Ace – What Asexuality Reveals About Desire, Society and the Meaning of Sex" von Angela Chen ist ein englischsprachiges Sachbuch, das Asexualität aus persönlicher und gesellschaftlicher Perspektive beleuchtet. Eine Liste mit noch mehr Sachbüchern und Romanen findest du auf aktivista.net – der Webseite eines Vereins, der sich für die Sichtbarmachung des asexuellen Spektrums einsetzt.

Wie immer gilt: Du bist gut so, wie du bist!

Egal, ob du dich in diesem Artikel wiedererkannt hast oder noch unsicher bist – du musst heute noch keine Antworten haben. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität ist ein Prozess, der Zeit braucht. Was auch immer du auf dieser Reise herausfindest: Es gibt kein Richtig oder Falsch, und du bist mit deinen Erfahrungen nicht allein.

Falls du dir Unterstützung bei diesem Prozess wünschst, vereinbare doch gerne ein kostenfreies Erstgespräch mit mir. Ich freue sehr darauf, dich auf deinem Weg zu deinem authentischeren Selbst zu begleiten!

Wenn du neugierig bist, wie asexuelle Menschen Beziehungen und Dating gestalten und welche Fragen dabei auftauchen, dann sei schon mal gespannt auf Teil 2 dieser Miniserie!

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