Responsive Lust: Warum nicht alle spontan Lust auf Sex haben
Manche Menschen haben scheinbar aus dem Nichts Lust auf Sex. Bei anderen entsteht die Lust erst als Antwort auf eine erotische Begegnung. Beide Formen, spontane und responsive Lust, sind normal. Warum wir trotzdem nur die eine als 'echte' Lust anerkennen, und was das mit Sport zu tun hat.
Früher war ich ein richtiger Sportmuffel. In meiner Jugend hat mich Sport einfach überhaupt nicht interessiert. Meine Familie hat damals eher meine kreativen Ambitionen gefördert und gleichzeitig der Freude an sportlicher Betätigung eher einen geringen Stellenwert beigemessen. Schulsport hat mich auch nicht dazu motivieren können, wobei das womöglich mehr über den Schulsport aussagt als über mich. Ich meine, wer läuft schon gerne einen Cooper-Test bei 30 Grad in der prallen Sonne??
Mittlerweile hat sich das vollkommen gedreht: ich gehe mehrmals die Woche ins Fitnessstudio und mache regelmäßig Pilates. Manchmal mache ich auch noch zwischendurch ein Workout zu Hause.
Aber wie kam es dazu? Als ich vor ca. 10 Jahren anfing, Sport zu machen, meldete sich natürlich als Erstes der Muskelkater, und zwar mit voller Wucht. Alles tat weh! Ich hatte Schmerzen an Stellen, von denen ich nicht mal wusste, dass dort Muskeln im Verborgenen schlummern könnten. Ich blieb trotzdem dran, damals motiviert vom Wunsch, schlanker zu sein. Nach ein paar Wochen wurde der Muskelkater weniger und ich fing an, Veränderungen an mir wahrzunehmen. Mehr Kraft, mehr Ausdauer und das allerbeste: ein freier Kopf!
Das Ziel, abzunehmen, habe ich schon lange aufgegeben. Dem Sport bin ich aber über die Jahre treu geblieben, denn der sorgt bei mir für mehr Zufriedenheit, als es ein paar Kilo weniger jemals könnten. Für mich ist das Auspowern im Fitnessstudio oder die Kräftigung beim Pilates ein zentraler Bestandteil meines Alltags geworden. Allein der Gedanke an die nächste Sport-Session erzeugt bei mir eine freudige Erwartungshaltung und hebt meine Stimmung enorm.
Ich habe richtig Lust auf Sport!
Was Sport und Sex gemeinsam haben
Jetzt fragst du dich vielleicht, warum ich überhaupt über Sport schreibe. Schließlich geht es in meinen Artikeln ja sonst um Sexualität. Der Grund ist, dass mir neulich bewusst geworden ist, dass wir Unterschiede zwischen Menschen in manchen Lebensbereichen als normal und alltäglich ansehen, während wir in anderen Bereichen erwarten, dass alle gleich funktionieren. Und Sport und Sexualität eignen sich gut zur Veranschaulichung dieses Phänomens.
Zur Darstellung mache ich eine (grob vereinfachte) Annahme: Es gibt zwei Arten von Menschen, die Sport machen.
- Gruppe A ist schon vorher motiviert. Sie hat morgens während der Arbeit Lust aufs Joggen am Abend und schafft es ohne große Reminder ins Fitnessstudio zum Krafttraining. Menschen in dieser Gruppe antizipieren bereits, wie gut sie sich währenddessen oder danach fühlen werden. Und diese Vorfreude hat einen sehr motivierenden Effekt.
- Gruppe B kommt erst beim Tun in Fahrt. Die Lust auf Bewegung zeigt sich bei diesen Menschen erst, wenn sie tatsächlich damit anfangen – quasi als Antwort auf die sportliche Betätigung. Um überhaupt dorthin zu kommen, greifen viele in dieser Gruppe zu hilfreichen Strategien: einem festen Kurstermin im Kalender, einem Gym-Buddy oder der Lieblingsplaylist.
Beide Gruppen sind offensichtlich motiviert, Sport zu machen. Nur zeigt sich diese Motivation eben zu unterschiedlichen Zeitpunkten.
Vielleicht ahnst du jetzt schon, worauf ich hinaus will: Bei der Lust auf Sex verhält es sich ganz ähnlich. Es gibt Menschen, die in ihrem Alltag einfach so, scheinbar aus dem Nichts, Lust auf Sex haben. Und es gibt Menschen, bei denen sich die Lust auf Sex erst während einer sexuell erregenden Begegnung zeigt. In der Sexualwissenschaft spricht man hier von spontaner bzw. responsiver Lust (ein Konzept, das auf ein zirkuläres Modell weiblicher Sexualreaktion zurückgeht, in dem Erregung der Lust vorausgehen und sie erzeugen kann).
Das Zusammenspiel von Reiz, Erregung und Lust
Sexuelle Erregung und Lust beim Sex werden oft synonym verwendet, sind aber unterschiedliche Dinge. Erregung bezeichnet die körperlichen, genitalen Veränderungen von erhöhter Muskelspannung, stärkerer Durchblutung, Anschwellen der Schwellkörper (Penis und Klitoris) und Feuchtigkeit (Lusttropfen, vaginale Feuchtigkeit). Unter Lust beim Sex versteht man eine subjektive Wahrnehmung, also das Gefühl, angeturnt zu sein. Beide laufen längst nicht immer synchron, und Erektion oder Feuchtigkeit sind kein Beweis für Lust, wie ich bereits in einem anderen Artikel erklärt habe.
Was am Anfang der Kette steht, ist jedoch ein sexuell relevanter Reiz, d.h. etwas, was wir durch Erfahrung gelernt haben, mit Sexualität zu verknüpfen. Und diese Reize können unterschiedlicher Natur sein:
- interne Reize: Erinnerung, erotische Fantasie, fruchtbare Zyklusphase bei natürlichem Zyklus, Entspannungslevel… also alles, was eher im Inneren des Körpers oder Geistes anzusiedeln ist.
- externe Reize: Gerüche, Berührungen, Geräusche, Flirten, Komplimente, eine schöne Einladung zum Sex – also Sinnesreize und die Wahrnehmung äußerer Einflüsse.
Wenn man all das zusammen nimmt, kann man spontane und responsive Lust grob in folgende Entstehungspfade unterteilen:
- Spontan: Die Lust zeigt sich zuerst, ausgelöst durch einen Reiz, der eher unbewusst bleibt. Die Erregung folgt erst danach. Der Reiz kann dabei intern oder extern sein, bleibt aber eher unbewusst, weshalb sich das Ganze spontan oder wie "aus dem Nichts" anfühlt. Ein gutes Beispiel für so einen Reiz ist der Geruch an eine bestimmte Sonnencreme, der einen sofort an einen heißen One-Night-Stand im Urlaub erinnert und Lust auslöst.
- Responsiv: Die Erregung, die auch durch einen Reiz ausgelöst wird, macht den Anfang und die Lust entsteht als Antwort darauf. Oft handelt es sich bei den Reizen um solche, die wir kognitiv eher wahrnehmen, unabhängig davon, ob sie intern oder extern sind. Beispiele hierfür sind (bewusste) erotische Tagträume oder Berührungen.
Beide Richtungen lassen sich also erklären und gehören zum normalen Spektrum menschlicher Sexualität.
Der Druck "normal" zu sein
Vielen ist klar, dass man nicht immer Lust auf Sport haben kann. Natürlich gibt es die intrinsisch motivierten Sportskanonen aus Gruppe A, die es immer wieder auf wundersame Art schaffen, trotz schlechten Wetters oder der Müdigkeit nach einem anstrengenden Tag eine Runde joggen zu gehen. Aber dass es längst nicht allen so geht, ist weithin akzeptiert. Es gilt also als normal, dass es in Bezug auf sportliche Motivation eben solche und solche Menschen gibt.
Natürlich zeigt sich im Sport trotzdem Erwartungsdruck: Die Fitness-Industrie lebt von Sprüchen wie „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg". Der Druck zielt dabei alledings auf Disziplin als höchste Tugend und belohnt Menschen, die sich erwartungskonform verhalten. „Ich hatte keine Lust und bin trotzdem hingegangen" ist im Fitness-Narrativ die Heldengeschichte, denn man hat ja trotzdem durchgezogen. Keine Lust zu haben gilt dort nicht als Defekt, sondern als Hindernis, das man eben überwindet.
Bei Sexualität und Lust ist die gesellschaftliche Erwartung verschärft. Auch hier gibt es gesellschaftliche Erwartungen ans Verhalten, angefangen mit der, dass Sex normal ist und in Beziehungen dazugehört, bis hin zu wie oft man Sex haben sollte. Aber die Erwartungen hören dort nicht auf. Zusätzlich zum Verhalten wird nämlich auch das Gefühl dahinter bewertet: Es reicht nicht, dass Sex stattfindet, er soll auch aus echter, spontaner Lust heraus motiviert sein. Wenn jemand nicht spontan Feuer und Flamme für eine sexuelle Begegnung ist, kommen deshalb schnell Zweifel auf, beim Gegenüber und bei der Person selbst: Stimmt mit mir, oder mit uns, etwas nicht? Nicht spontan Lust zu haben wird macht einen also zum Mangelexemplar.
Wie tief diese Annahme sitzt, zeigt sich auch in der sexualmedizinischen Diagnostik. Vor der Einführung des DSM-5 im Jahr 2013 war die Diagnose für weibliche Lustlosigkeit (Hypoactive sexual desire disorder oder HSDD) über das Fehlen sexueller Fantasien und mangelndes Verlangen nach sexueller Aktivität definiert. Spontane Lust war also stillschweigend einer der Maßstäbe, anhand dessen die Kategorien "normal" und "behandlungswürdig" unterschieden wurden. Wer also nicht spontan Lust auf Sex hat, erfüllte buchstäblich die Kriterien für eine Störung.
Responsive Lust kommt laut Forschungsstand bei Frauen häufiger vor, spontane eher bei Männern, wobei beide Formen bei allen Geschlechtern auftreten. Gerade weil sie seltener ist, wird Männern mit responsiver Lust besonders schnell unterstellt, mit ihnen stimme etwas nicht, da ihre Erfahrung dem gängigen Männlichkeitsbild widerspricht.
Wichtiger Disclaimer: Die Forschung zu sexueller Lust stammt größtenteils aus Studien an heterosexuellen, cisgeschlechtlichen Frauen und Männern.
Spontane und responsive Lust, zwei Gegenpole?
Sind Menschen mit spontaner und responsiver Lust also wie Wasser und Feuer?
Spoiler: Natürlich nicht.
Wie meine grob vereinfachte Annahme von vorhin, dass es nur zwei klar voneinander getrennte Gruppen von Menschen gibt, die Sport machen, dient diese strikte Zweiteilung der Vereinfachung. Im Grunde genommen handelt es sich hier wieder einmal um ein Modell, das die komplexe Welt der Sexualität veranschaulichen und besser erklärbar machen soll: Menschen zeigen Lust von sich aus, also spontan, oder responsiv, als Antwort auf etwas. Das klingt einfach und schön trennbar.
In der echten Welt ist es aber oft so, dass sich Menschen irgendwo auf dem Spektrum zwischen diesen beiden Polen befinden. Dazu kommt, dass sich das für ein und dieselbe Person je nach Kontext (oder Lebensabschnitt) verschieben kann. Wenn wir beispielsweise nach einem langen, stressigen Arbeitstag nach Hause kommen und unsere Partner*in anfängt, unseren Nacken zu küssen, reagieren wir wahrscheinlich anders darauf, als wenn wir gerade entspannt während des Urlaubs im Bett liegen.
Es gilt: Context is key! Es kommt eben nicht nur darauf an, was uns anturnt, sondern auch darauf, was gerade dagegen arbeitet. Beides zusammen entscheidet, ob Lust entsteht. (Dazu bald mehr in einem eigenen Artikel.)
Lust darf auf dem Spektrum zwischen spontan und responsiv wandern – muss sie aber nicht
Der Punkt, an dem wir uns auf dem Spektrum zwischen spontan und responsiv befinden, ist nicht in Stein gemeißelt, er kann sich je nach Kontext oder über die Zeit verschieben.
Mir ist letzteres beim Sport passiert: Am Anfang hatte ich nur den Vorsatz, schlanker zu werden. Die Freude am Sport kam, wenn überhaupt, erst währenddessen oder danach. Heute freue ich mich schon morgens auf die Gym-Session am Abend. Ich bin auf dem Spektrum gewandert, von eher responsiv zu eher spontan.
Wichtiger Disclaimer dabei: Ich interpretiere das aber nicht als Beweis, dass responsive Lust nur eine Vorstufe zu etwas Besserem ist, und schon gar nicht als Aufforderung, dass sich responsive Lust irgendwann in spontane verwandeln sollte. Menschen wandern in beide Richtungen und beide Richtungen sind gleichwertig. Wer eine responsive Tendenz zeigt oder entwickelt, hat nichts falsch gemacht und muss an nichts arbeiten.
Und noch etwas ist mir wichtig klar zu stellen:
Offen zu sein für Lust, die erst aus der Erregung während einer erotischen Begegnung entsteht, ist nicht dasselbe, wie sich zum Sex verpflichtet zu fühlen.
Wenn keine Lust kommt, ist Aufhören immer eine Option! Denn wer lustlosen Sex immer wieder durchzieht, obwohl das Verlangen fehlt (die Forschung nennt das sexual compliance), riskiert, dass sich Sex mit der Zeit nach Pflicht anfühlt, und die Lust dann tatsächlich nachlässt.
Umgekehrt gilt aber auch: Einen der stärksten positiven Einflüsse auf Lust hat Sex, der sich wirklich gut anfühlt. Lust ist zu einem großen Teil gelernt und wir entwickeln sie für das, was uns tatsächlich guttut.
Die Lustpflicht: Warum nur spontane Lust als "normal" gilt
Leider sind meine obigen Disclaimer gesellschaftlich noch nicht so wirklich angekommen und spontane Lust wird als positiv und "normal" bewertet, während responsive Lust abgewertet und pathologisiert wird.
Viele Paare, bei denen sich die Wogen der ersten Verliebtheitsphase gelegt haben, merken, dass sich auch in der Sexualität etwas verändert, was zu großer Verunsicherung führen kann. Der Sex, der anfangs regelmäßig und leidenschaftlich war, wird seltener, die Abläufe routinierter. Das hat zum einen mit dem Hormonspiegel zu tun, der sich nach der Achterbahnfahrt der Verliebtheit nach 12 bis 24 Monaten wieder einpegelt. Aber Hormone sind nur ein Teil der Geschichte: Am Anfang ist alles neu, aufregend und ungewiss, und wir richten unsere Aufmerksamkeit stark aufeinander. Wenn wieder etwas Normalität und Alltag einkehrt, zeigt sich bei manchen Menschen, dass ihre Lust eigentlich eher responsiv ausgelegt ist und die spontane Libido der Anfangszeit die Ausnahme war, nicht die Regel.
Eine sich verändernde Sexualität bzw. eine Verschiebung der Lust von spontan in Richtung responsiv muss natürlich an sich kein Problem darstellen. Leider ist die Realität oft eine andere, weil unsere gesellschaftlich und medial geprägten Idealvorstellungen dazwischenfunken. Sie schreiben uns vor, wie der „richtige" Sex und die „richtige" Lust auszusehen haben. Und spontane Lust wird eben gesellschaftlich als Ideal inszeniert. In Filmen und Serien werden regelmäßig Sexszenen gezeigt, in denen sich die Charaktere die Kleider nicht schnell genug vom Leib reißen können und sich anschließend förmlich verschlingen. Und das, nachdem sie sich zuvor gerade einmal 10 Sekunden leidenschaftlich in die Augen geschaut haben.
Der Mythos lautet: Wer nicht oft genug an Sex denkt oder dauerhaft spontan Lust darauf hat, ist nicht normal. Die amerikanische Sexualpädagogin und Authorin Emily Nagoski nennt das „desire imperative", zu deutsch übersetzbar als Lustpflicht.
Der Mythos, dass spontane Lust die einzig normale Form der Lust sei, hat Wirkung. Viele Menschen haben ihn so verinnerlicht, dass sie glauben, mit ihnen stimme etwas nicht. Einfach nur, weil ihre Lust eher eine Antwort auf eine erotische Begegnung ist, als die Frage danach.
Dabei kommen sowohl responsive als auch spontane Lust in der echten Welt vor, genauso wie alle Zwischentöne und Farbübergänge dazwischen. Keine dieser Formen ist besser oder schlechter als die andere. Wenn du dich also jemals gefragt hast, ob mit dir etwas nicht stimmt, weil deine Lust anders funktioniert als bei anderen oder gar im Film: Du bist genau richtig so wie du bist. Es sind die verkehrten Maßstäbe und Idealvorstellungen, die sich ändern müssen. Und ich hoffe ich kann mit meinen Artikeln ein wenig dazu beitragen!
Eine kleine Einladung zur Reflexion
Zum Schluss möchte ich dir noch ein paar Fragen mitgeben, die dich einladen, dir über deine eigene Lusttendenz und die Einflüsse darauf Gedanken zu machen.
- Wo auf dem Spektrum zwischen spontaner und responsiver Lust würdest du dich am ehesten verorten? War das schon immer so, oder hat es sich mit der Zeit verändert?
- Verschiebt sich deine Lusttendenz mit dem Kontext? Wenn ja, wie?
- Welche Reize fördern bei dir Erregung und Lust?
- Welche Vorstellung davon, wie deine Lust „eigentlich" sein sollte, trägst du mit dir herum? Und woher stammt diese Vorstellung?
Wenn du deine Lust erforschen möchtest, aber nicht so richtig weißt, wo du anfangen sollst, bin ich gerne für dich da. In meiner körperzentrierten Sexualberatung biete ich dir einen einfühlsamen, vertrauensvollen Rahmen, um dich und deine Sexualität besser kennen zu lernen. Buche gleich dein kostenfreies Erstgespräch. Ich freue mich auf dich!
