Warum hast du Sex?
Es gibt eine Frage, die unscheinbar wirkt und die ich gleichzeitig in der Sexualberatung häufig stelle: Warum hast du Sex? Der Hintergrund ist, dass viele Menschen interessanterweise eine ziemlich genaue Vorstellung davon haben, wie oft sie Sex haben sollten. Aber wenn es darum geht, wie dieser Sex sein müsste, um genuss- und lustvoll zu sein, herrscht oft Ratlosigkeit. Auch die Bedürfnisse, die Sex erfüllt, sind vielen nicht bewusst. Stattdessen haben wir einige umherschwirrende Mythen verinnerlicht, die uns weismachen wollen, dass Paare für ein gesundes Beziehungsleben idealerweise 2x pro Woche Sex haben sollten. Oder wir haben in irgendeiner Zeitschrift gelesen, welche Blow-Job-Technik "ihn garantiert um den Verstand bringt". Diese Art von Messaging setzt viele Menschen unter Druck, eine bestimmte Art von Sexualität zu performen, um einem von außen gesetzten, vermeintlichen Standard zu entsprechen. Das Problem dabei: wer Sexualität nur performt, ist währenddessen eher im Außen als bei sich selbst und kommt nicht ins Spüren. Und wer nicht hineinspürt, wird Schwierigkeiten damit haben, zu erkennen, was wirklich gut tut oder Genuss bringt – und was nicht. Zusätzlich erschwert der Fokus auf äußere Maßstäbe das Entstehen von emotionaler und körperlicher Intimität zwischen Partner*innen und blockiert damit wichtige Zugänge für eine langfristig erfüllende Paarsexualität.
Um sich dem wie einer lustvollen Sexualität zu nähern, ist es hilfreich, sich der dahinterliegenden Motivation bewusst zu werden. Die Motive, Sex zu haben oder zu wollen, sind vielzählig: Forschende fanden in einer Studie von 2007 insgesamt 237 verschiedene Gründe für Sex. Wer seine eigenen Motive kennt, bekommt dadurch die Möglichkeit, besser einzuschätzen, welche Art von Sex zur Befriedigung der dahinterliegenden Bedürfnisse beitragen könnte. Dabei ist es wichtig im Kopf zu behalten, dass diese Motive nicht statisch bleiben, sondern sich (stark) verändern können. Es lohnt sich also, sich immer wieder damit auseinanderzusetzen!
Reflexion
Liste die drei wichtigsten Gründe auf, warum du Sex hast oder möchtest, absteigend nach Relevanz sortiert. Ein paar Beispiele können sein: körperliche Befriedigung, Nähe zur Partnerperson spüren, Bindung aufbauen, Stress abbauen, Langeweile, ein Kind zeugen, Bestätigung erfahren, der Partnerperson zuliebe, Konfliktvermeidung...
Nimm dir dann Zeit, um die folgenden Fragen zu beantworten:
- Wie leicht oder schwer ist es dir gefallen, deine drei wichtigsten Gründe für Sex zu benennen?
- Waren diese drei Gründe schon immer die wichtigsten für dich?
- Gab es Zeiten, wo sie in einer anderen Reihenfolge auftraten?
- Kannst du dich auch an Phasen erinnern, in denen andere Gründe wichtiger waren?
- Welche Bedürfnisse stecken hinter deinen wichtigsten Gründen für Sex?
- Siehst du andere Möglichkeiten, wie du diese Bedürfnisse erfüllen kannst?
- Falls du in einer Beziehung bist: Welche der Bedürfnisse, die für dich mit Sex assoziiert sind, werden in deiner Beziehung auch anders erfüllt? Welche nicht?
Falls du momentan in Beziehungen stehst, in denen Sex eine Rolle spielt, kannst du dich auch mit Partner*innen darüber austauschen. Eine interessante Grundlage dafür kann sein, dass ihr zusätzlich zu euren wichtigsten Gründen für Sex auch die aufschreibt, die ihr bei euch gegenseitig vermutet. Bevor ihr ins Gespräch geht, ist es ratsam, dass ihr euch darauf einigt, die Gründe des Gegenübers einfach so stehen zu lassen, wie sie sind. Ihr dürft gerne nachfragen, aber solltet nicht bewerten. Achtet auf eine wertschätzende, liebevolle Kommunikation und nehmt euch für nach dem Gespräch etwas Schönes gemeinsam vor.
Wünschst du dir Unterstützung bei der Ergründung deiner Bedürfnisse, Fantasien und Wünsche? Oder möchtest du gerne mit deiner Partnerperson über euer Sexleben sprechen, weißt aber nicht so richtig wie? In einem kostenfreien, 15-minütigen Erstgespräch können wir dein Anliegen besprechen und schauen, ob die Chemie stimmt.
